Renditereihenfolgerisiko: Warum der falsche Zeitpunkt fast alles ist

Wenn dein Portfolio eine durchschnittliche Rendite von 7 % pro Jahr hat – ist es egal, in welcher Reihenfolge die guten und schlechten Jahre kommen? In der Anspar-Phase ja. In der Entnahme-Phase nein. Und dieser Unterschied ist das größte einzelne Risiko für deinen FIRE-Plan.

Das Konzept in einem Satz

Wer in den ersten Jahren der Entnahmephase einen Crash erlebt, verkauft Anteile zu Tiefstkursen – und sein Portfolio kann sich nicht erholen, bevor das Geld ausgeht.

Beispiel: Zwei FIRE-Anleger mit identischer Durchschnittsrendite

Beide starten mit 1.000.000 € und entnehmen 40.000 € pro Jahr (4 % der Anfangs-Summe). Beide haben über 30 Jahre eine durchschnittliche Rendite von 7,0 % p.a. – aber in unterschiedlicher Reihenfolge.

AnlegerErste 5 JahreMittlere 20 JahreLetzte 5 JahreEndwert nach 30 J.
Anleger A ("Pech am Anfang")−10 % p.a.+10 % p.a.+10 % p.a.≈ 0 € (Pleite ~Jahr 25)
Anleger B ("Glück am Anfang")+10 % p.a.+10 % p.a.−10 % p.a.≈ 5,4 Mio. €

Selbe Durchschnittsrendite. Selbe Entnahme. Selbe Marktbedingungen, nur in anderer Reihenfolge. Eine Person geht pleite, die andere wird reich. Das ist das Renditereihenfolgerisiko.

Warum es in der Anspar-Phase nicht so wichtig ist

Wenn du noch sparst und nicht entnimmst, profitierst du von einem Crash sogar: Du kaufst günstig nach. Die Reihenfolge mittelt sich raus. Erst wenn du regelmäßig verkaufen musst, um zu leben, schlägt das Risiko zu.

Historische Beispiele

Wie groß ist das Risiko quantitativ?

Backtests über 30-Jahres-Perioden seit 1928 (US-Daten, 60 % Aktien / 40 % Anleihen) zeigen: Bei 4 % Anfangs-Entnahme überleben rund 92 % der historischen Phasen. Aber in 8 % der Fälle ging das Portfolio vor 30 Jahren pleite – fast immer wegen eines schlechten Starts.

Unser Rechner zeigt diese Wahrscheinlichkeit in der KPI „Pleite-Risiko (30J)" basierend auf einer aggregierten Backtesting-Tabelle.

Strategien zum Schutz

1. Cash-Puffer (Cash Bucket)

Halte 1–3 Jahre an Lebenshaltungskosten in Tagesgeld / Festgeld – außerhalb des Aktienportfolios. Bei einem Crash entnimmst du daraus, statt Aktien zu Schleuderpreisen zu verkaufen. Wenn der Markt sich erholt, füllst du den Puffer wieder auf. Senkt das Sequence-Risk historisch um etwa 30–50 %.

2. Dynamische Entnahme (Variable Withdrawal)

Statt fest 4 % entnimmst du z. B. 4 % vom aktuellen Depotwert. Im Crash entnimmst du automatisch weniger – das schont das Vermögen. Nachteil: Dein Lebensstandard schwankt. Kompromiss: Floor + Ceiling (mindestens X €, maximal Y €).

3. Niedrigere Anfangs-Entnahmerate

Wer mit 3,25 % oder 3,0 % startet statt mit 4 %, halbiert das Pleite-Risiko etwa. Kostet aber mehr Vermögen – grob 25 % mehr Depot für denselben Lebensstandard.

4. Bond Tent / Glide Path

In den 5 Jahren vor und 5 Jahren nach FIRE-Start hältst du mehr Anleihen als sonst (z. B. 50/50 statt 90/10). Das senkt die Volatilität in der riskantesten Phase. Danach erhöhst du den Aktienanteil wieder Richtung 80–100 %.

5. Spätere gesetzliche Rente einplanen

Wenn ab 67 die GRV einsetzt, brauchst du in den ersten 22 Jahren mehr Entnahme aus dem Depot, aber die Brücke ist endlich. Das senkt das langfristige Pleiterisiko deutlich.

6. Flexibles Einkommen

Wer im Crash-Jahr Teilzeit oder gelegentlich Projekte annehmen kann, schont das Depot massiv. Selbst 15.000 € Nebeneinkommen in einem Crash-Jahr machen einen messbaren Unterschied über 30 Jahre.

Wie unser Rechner das Risiko abbildet

Wir verwenden eine Lookup-Tabelle, die für jede Anfangs-Entnahmerate (in 0,25 %-Schritten) das historische Pleite-Risiko über 30 Jahre angibt. Sie basiert auf Backtests gemischter Aktien-/Anleihen-Portfolios. Die KPI „Pleite-Risiko (30J)" zeigt diese Zahl direkt für deine konkrete Konstellation.

Wichtig: Wir berechnen nicht Monte-Carlo. Wir nutzen historische Backtests aggregiert. Das ist konservativer (besser als Monte-Carlo, das oft Tail-Risiken unterschätzt) und konsistent mit der Trinity-Tradition.


Weiterführend:

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