Sichere Entnahmerate (SWR): Wie viel kannst du wirklich entnehmen?
Die berühmte 4 %-Regel stammt aus einer US-Studie von 1998 – mit US-Daten, US-Steuern und US-Krankenversorgung. In Deutschland sieht die Realität anders aus. Was wirklich sicher ist, hängt von deiner Asset-Allokation, deinem Renteneintritt und – ganz entscheidend – von der Steuer ab.
Woher kommt die 4 %-Regel?
1998 veröffentlichten drei Professoren der Trinity University eine Studie: Sie testeten, wie ein gemischtes US-Aktien-/Anleihen-Portfolio (50/50 oder 60/40) historische 30-Jahres-Phasen überstanden hätte, wenn man jährlich einen festen Prozentsatz des Anfangsvermögens entnimmt – inflationsangepasst. Bei 4 % Anfangs-Entnahmerate überlebten die meisten getesteten 30-Jahres-Phasen – das wurde zur „4 %-Regel".
Warum sie für Deutschland nicht 1:1 passt
1. Steuern
Die Trinity-Studie ist eine Brutto-Berechnung. Bei FIRE in Deutschland fallen aber Abgeltungssteuer (26,375 %) auf realisierte Gewinne an, sowie Krankenversicherungsbeiträge auf gesetzliche Renten. Wenn du jährlich 40.000 € aus deinem Depot entnimmst und davon 30 % unrealisierte Gewinne sind, gehen je nach Teilfreistellung 1.500 € – 3.165 € allein an Steuern weg. Diese Steuer reduziert deine effektive Entnahmerate.
2. Frühe Rente bedeutet längere Phase
Die 4 %-Regel ist auf 30 Jahre kalibriert. Wer mit 45 in Rente geht und 90 wird, braucht 45 Jahre Polster. Studien (z. B. Wade Pfau) zeigen: Bei 50 Jahren Entnahmedauer sinkt die sichere Rate auf etwa 3,0 % – 3,3 %.
3. Niedrigere historische Renditen für deutsche Anleger
Die Trinity-Studie nutzt US-Aktienrenditen (~ 9 % nominal). Ein global diversifiziertes Portfolio aus deutscher Sicht (mit Wechselkursrisiko) erzielt historisch eher 6,5 % – 7,5 % nominal. Das senkt die sichere Rate weiter.
Realistische Sätze für deutsche FIRE-Pläne
| Entnahmedauer | Sichere Rate (Aktien-ETF) | Pleite-Risiko (historisch) |
|---|---|---|
| 20 Jahre | ~ 4,5 % | < 1 % |
| 30 Jahre | ~ 3,5 % | ~ 1 % |
| 40 Jahre | ~ 3,25 % | ~ 3 % |
| 50 Jahre | ~ 3,0 % | ~ 5 % |
| 50 Jahre + spätere gesetzliche Rente | ~ 3,75 % | ~ 1 % |
Werte gelten für ein global diversifiziertes Aktien-Portfolio (z. B. MSCI World), inflationsangepasste Entnahme, deutsche Besteuerung berücksichtigt.
Was deine Entnahmerate erhöht
- Spätere gesetzliche Rente: Wer mit 67 zusätzlich 1.500 €/Monat Rente bekommt, kann in der FIRE-Phase deutlich mehr riskieren.
- Flexibilität: Wer in schlechten Jahren weniger entnehmen kann (Sparquote, Nebeneinkommen), übersteht Crashs viel besser („dynamic withdrawal").
- Höherer Aktienanteil: Mehr Aktien = höhere erwartete Rendite, aber auch höhere Volatilität. Optimum liegt historisch bei 75 % – 100 % Aktien für lange Phasen.
- Niedrige Fixkosten: Wer flexibel bei Mietkosten und Auto ist, kann in schlechten Jahren billiger leben und das Depot schonen.
Was sie senkt
- Crash früh in der Entnahmephase („sequence-of-returns risk"). Ein 50-%-Crash im ersten Jahr halbiert dein Vermögen, bevor es zurückwachsen kann.
- Hohe Anleihen-Quote: Senkt Volatilität, aber auch Rendite. Bei 60/40 ist die sichere Rate eher 3,2 % als 3,5 %.
- Hohe Inflation: Die 70er Jahre haben gezeigt, dass anhaltende Inflation Aktienportfolios stark belasten kann.
Pleite-Risiko statt fester Rate
Statt sich auf einen einzelnen „sicheren" Prozentsatz zu fixieren, solltest du das Pleite-Risiko betrachten: Was ist die Wahrscheinlichkeit, dass dein Geld vor deinem Lebensende ausgeht?
| Anfangs-Entnahmerate | Pleite-Risiko 30 J. |
|---|---|
| 3,0 % | 0 % |
| 3,5 % | 1 % |
| 3,75 % | 4,2 % |
| 4,0 % | 7,9 % |
| 4,5 % | 10,5 % |
| 5,0 % | 13 % |
Quelle: Aggregierte historische Backtests, vereinfacht. Unser Rechner nutzt diese Tabelle als Lookup.
Praxis-Tipp: Bucket-Strategie
Viele FIRE-Anhänger teilen ihr Vermögen in Buckets mit unterschiedlichen Zeithorizonten ein:
- Cash-Bucket (1–2 Jahre Ausgaben): Tagesgeld, Festgeld – für Crash-Phasen, in denen du nichts verkaufen willst.
- Anleihen-Bucket (3–7 Jahre): Mittelfristige Stabilität.
- Aktien-Bucket (langfristig): Wachstumsmotor des Portfolios.
Mit dieser Strategie kannst du im Crash-Jahr aus dem Cash-Bucket entnehmen, statt Aktien zu Schleuderpreisen zu verkaufen – das verbessert die effektive sichere Rate spürbar.
Weiterführend: