Wie wir dein Pleiterisiko berechnen — ehrlich erklärt
Du tippst dein Sparvermögen, dein FIRE-Alter und deine geplante Entnahme ein, und der Rechner sagt: „Pleiterisiko 0,94 %." Was bedeutet diese Zahl? Wie wird sie berechnet? Und kannst du ihr eigentlich trauen? Hier ist die ehrliche Antwort — ohne Akademiker-Sprache.
Das Grundproblem
Wenn du mit 50 in Rente gehst und 95 Jahre alt wirst, musst du dein Vermögen 45 Jahre lang strecken. Die schwierige Frage ist nicht „wie viel habe ich heute" — die ist leicht. Die schwierige Frage ist: Was machen die Aktienmärkte in den nächsten 45 Jahren?
Und ehrlich: Das weiß niemand. Die Märkte könnten sich entwickeln wie zwischen 1980 und 2025 (sehr gut). Sie könnten sich entwickeln wie zwischen 1929 und 1949 (katastrophal). Oder wie Japan zwischen 1989 und 2025 (zwanzig Jahre Stillstand).
Dein FIRE-Plan funktioniert in der Vergangenheit von 1980 wunderbar — und kann in der Vergangenheit von 1929 völlig pleitegehen. Welche dieser Zukünfte du bekommst, weiß keiner. Pleiterisiko-Zahlen sind nichts anderes als der Versuch, mit dieser Unsicherheit umzugehen.
Drei Wege, das Risiko zu schätzen
Es gibt im Grunde drei Methoden, mit denen FIRE-Rechner versuchen, dein Risiko zu schätzen. Sie unterscheiden sich darin, was sie als „mögliche Zukunft" zulassen.
Methode 1: Historischer Backtest („Was wäre passiert?")
Die einfachste und älteste Methode. Man nimmt echte Marktdaten aus der Vergangenheit (typischerweise USA ab 1926) und schaut: Hätte mein Plan jede 30-Jahres-Periode in dieser Zeit überlebt? Wenn ja, gilt der Plan als sicher.
Das ist die berühmte 4-%-Regel von Bengen und die Trinity-Studie. Sehr greifbar, sehr einfach. Aber: Es gibt nur etwa 60 wirklich unabhängige Zeitfenster in den US-Daten — eine winzige Stichprobe. Und alle stammen aus den USA, dem ökonomischen Glücksfall des 20. Jahrhunderts. Wer dieselbe Auswertung über alle Industrieländer hinweg macht, kommt zu einem viel düstereren Bild.
Methode 2: Klassische Monte-Carlo („Würfeln mit Renditen")
Bei der klassischen Monte-Carlo-Simulation würfelt der Computer jedes Jahr eine zufällige Aktienrendite aus — typischerweise rund um eine erwartete Mittel-Rendite (z. B. 7 %) mit realistischer Schwankung. Macht er das 10.000-mal über 45 Jahre, bekommt er 10.000 verschiedene Zukunftspfade. In wie vielen ging dein Geld vor 95 aus? Das ist dein Pleiterisiko.
Klingt schlauer als der reine Backtest, hat aber einen subtilen Haken: Echte Märkte haben ein Gedächtnis. Nach einem schweren Crash erholen sich die Märkte häufiger als sie weiter abstürzen — das nennt man Mean-Reversion. Eine reine Würfelmethode ignoriert das. Sie kann erfinden: „zehn Crash-Jahre hintereinander". Das ist historisch praktisch nie passiert, kann aber in einer reinen Würfel-Simulation problemlos auftreten — und macht die geschätzten Risiken in den Tails oft zu pessimistisch, nicht zu optimistisch.
Methode 3: Block-Bootstrap („Geschichte in Stücken neu zusammensetzen")
Die moderne wissenschaftliche Antwort, die seit etwa 2022 in der Forschung Standard wird. Statt einzelne Jahre zu würfeln, schneidet der Computer die echte Marktgeschichte in Blöcke (typisch: 10 Jahre lang) und setzt diese Blöcke zufällig zu neuen Lebensläufen zusammen.
Stell es dir vor wie ein Puzzle: Du nimmst echte Jahre aus der Vergangenheit, lässt die Reihenfolge innerhalb eines 10-Jahres-Blocks intakt, würfelst dann aber den Anfang des nächsten Blocks zufällig aus einem anderen Jahrzehnt. Innerhalb der Blöcke bleibt die echte Markt-Dynamik (Mean-Reversion, Crashes mit anschließenden Erholungen) erhalten — aber durch das zufällige Zusammensetzen entstehen tausende neue Geschichten, die so wirklich nie passiert sind, aber realistisch sein könnten.
Das ist die Methode, die dein Rechner nutzt.
Was ist daran besser?
Drei konkrete Vorteile gegenüber den anderen Methoden:
- Mehr Datenpunkte als reine Backtests. Aus 100 historischen Jahren werden tausende synthetische Lebensläufe.
- Realistischer als Würfel-Monte-Carlo. Markt-Gedächtnis bleibt erhalten — keine erfundenen Zehn-Crash-Sequenzen.
- Multi-Country statt nur USA. Wir nutzen historische Daten aus 16 Industrieländern (USA, Japan, Deutschland, Großbritannien etc.), nicht nur dem Spitzenreiter USA. Das ist ehrlicher — Japan hat zwischen 1989 und 2025 nicht das gleiche Bild abgegeben wie die USA.
Wie sich das auf deine Zahl auswirkt
Konkretes Beispiel — eine FIRE-Sparerin mit 1 Million Euro, 50 Jahre alt, will 3.500 €/Monat real entnehmen und das Geld bis 95 reichen lassen. Das ist eine Anfangs-Entnahmerate von 4,2 % pro Jahr.
| Methode | Pleiterisiko | Was sie schätzt |
|---|---|---|
| US-Backtests (Trinity, Bengen) | ~30–50 % | Wie oft wäre es in der US-Historie schiefgegangen? |
| Klassische Monte-Carlo (alt) | ~50 % | Wie oft geht es in einer idealisierten Würfel-Welt schief? |
| Block-Bootstrap (heute) | ~49 % | Wie oft geht es schief, wenn die Zukunft so realistisch zerwürfelt aussieht wie die Vergangenheit? |
Drei verschiedene Methoden, drei sehr ähnliche Zahlen. Das ist genau das, was wir wollen: Wenn alle drei methodischen Wege zur gleichen Antwort kommen, ist die Antwort vermutlich nahe der Wahrheit. Eine 4,2-%-Entnahme über 45 Jahre ist nicht sicher, das zeigen alle drei Methoden.
Was die Zahl dir sagt — und was nicht
Pleiterisiko 49 % heißt: In etwa der Hälfte der möglichen Zukünfte wird dein Geld vor Lebensende ausgehen. Nicht: „du wirst zu 49 % obdachlos". In der Realität würdest du im schiefgehenden Pfad lange vorher merken, dass es kritisch wird, und Gegenmaßnahmen ergreifen — weniger entnehmen, länger arbeiten, gesetzliche Rente einbinden. Pleiterisiko ist eine theoretische Größe für einen starr durchgezogenen Plan.
Wenn du flexibel sein kannst (z. B. in Crash-Jahren weniger entnehmen), ist dein echtes Risiko viel niedriger als die Zahl behauptet. Genau dafür gibt es im Rechner den Optimalen Entnahme-Pfad — eine Strategie, die jährlich auf den realen Depot-Stand reagiert und damit das Pleiterisiko drastisch senkt.
Was du im Rechner einstellen kannst
Im Experten-Modus findest du eine Auswahl namens „Datengrundlage" mit drei Optionen:
- Multi-Country global (Standard). Block-Bootstrap auf historische Daten aus 16 Industrieländern, gewichtet wie ein realer Welt-Aktien-ETF (z. B. MSCI World). Das ist die ehrlichste Schätzung. Lass diese Einstellung, wenn du dich nicht entscheiden willst.
- Cederburg-streng. Eine fertige Tabelle aus einem 2025er Wissenschafts-Paper (Anarkulova/Cederburg) mit noch breiterer Länder-Basis. Wird statisch angezeigt, nicht live gerechnet. Eher als „Sanity-Check": Wenn unsere Live-Zahl stark von dieser Paper-Zahl abweicht, lohnt sich ein zweiter Blick.
- Nur USA (Shiller). Block-Bootstrap auf US-only-Daten ab 1871. Bewusst optimistisch, weil USA der historische Marktführer war. Nützlich, um den Effekt der Multi-Country-Korrektur direkt zu sehen.
Was du der Zahl nicht zumuten solltest
Auch unsere Methode hat Grenzen. Drei ehrliche Limits:
- Zukünfte, die noch nie passiert sind. Block-Bootstrap kann nur aus echten historischen Mustern bauen. Wenn die nächsten 45 Jahre wirklich beispiellos werden (KI-Disruption + Demografie + Klima), kann das sein, was die Daten nicht enthalten. Kein Modell repariert das.
- Steuergesetze ändern sich. Wir rechnen mit dem aktuellen deutschen Stand (2026). Reformen werden kommen.
- Deine Lebenserwartung ist eine Annahme. Du tippst 95 als Plan-Lebensende — statistisch erreichst du das nur mit etwa 30 % Wahrscheinlichkeit. Wer das mit einberechnet, kommt zu höheren erlaubten Entnahmen in jungen Jahren. Wir machen das bewusst nicht, weil's für die meisten User schwer zu kalibrieren ist.
Die kurze Zusammenfassung
Dein Pleiterisiko im Rechner basiert auf einer wissenschaftlich aktuellen Methode (Block-Bootstrap nach Politis/Romano 1994), auf echten Daten aus 16 Industrieländern ab 1900, mit realistischer Markt-Dynamik. Die Zahl ist ehrlicher als das, was die meisten anderen FIRE-Rechner liefern — und sie ist normalerweise weder zu optimistisch noch zu pessimistisch.
Wenn du als Nicht-Experte nur eine Sache mitnehmen sollst: Die ausgewiesene Pleiterisiko-Zahl ist eine ernsthafte Schätzung deines realen Risikos. Wenn der Rechner 30 % anzeigt, ist 30 % wirklich gefährlich. Wenn er 1 % anzeigt, kannst du beruhigt sein — vorausgesetzt, du hältst dich an deinen Plan.
Wer es genauer wissen will:
- Block-Bootstrap-Methodik (Experten-Version) — mit Quellen, Formeln, akademischer Diskussion. Etwa drei Mal so lang.
- Monte-Carlo-Simulation — der Vorgänger der heutigen Methode
- Sequence-of-Returns-Risiko — warum die ersten Jahre einer Entnahme so entscheidend sind
- Sichere Entnahmerate — was die klassischen historischen Backtests sagen
- Optimaler Entnahme-Pfad — adaptive Strategie, die das Risiko aktiv senkt