Optimaler Entnahme-Pfad: Adaptive Entnahme mit garantierter Untergrenze

Die klassische 4-%-Regel legt am Anfang eine feste Monats-Entnahme fest und zieht sie unverändert über 30 Jahre durch, egal was der Markt macht. Das ist sicher kalibrierbar, lässt aber im typischen Fall enorme Reserven liegen — in den meisten modellierten Marktverläufen (per Block-Bootstrap auf 16-Länder-Historie) stirbt ein 4-%-Sparer mit mehr Geld als er gestartet ist. Der Optimale Entnahme-Pfad macht es anders: Er passt die Entnahme jedes Jahr an dein dann-aktuelles Depot an, garantiert eine kaufkraftgeschützte Mindest-Entnahme als harte Untergrenze und kalibriert genau ein Pleite-Risiko, das du selbst gewählt hast. Du bekommst dadurch typischerweise eine deutlich höhere Entnahme — aber tauschst Planungs-Stabilität gegen Flexibilität.

TL;DR

Statt einer fixen Schedule rechnet der Pfad jedes Jahr aus dem aktuellen Depot-Stand: W = max(Mindest-Entnahme, Depot / Annuitätsfaktor). Das ist eine adaptive Strategie — gute Marktjahre führen zu höherer Entnahme, schlechte zu niedrigerer. Im Median wird das Kapital exakt bis zum Lebensende verzehrt (kein systematisches Erbe übrig). Die garantierte Mindest-Entnahme ist eine kaufkraftgeschützte Untergrenze, die per Monte-Carlo-Simulation so kalibriert wird, dass dein eingestelltes Pleite-Risiko (0,25–3 %) exakt eingehalten wird. Wichtig: Die Median-Linie im Chart ist keine Vorschrift — sie ist eine statistische Erwartung. Dein tatsächlicher Verlauf weicht ab, in beide Richtungen.

Das zentrale Missverständnis: Median ≠ Fahrplan

Wer den Chart das erste Mal sieht und liest „Median-Entnahme Jahr 1: 4.700 €/Mo", schließt instinktiv: „Dann nehme ich also jeden Monat 4.700 €." Das ist die teuerste Fehl-Interpretation des ganzen Tools. Wer den Median als feste Schedule plant, bekommt nicht das Risiko, das im Banner steht — er bekommt das Risiko der klassischen 4-%-Regel, also 30–50 % Pleite über lange Horizonte.

Was du in der echten Lebensplanung tust:

Am 2. Januar jedes Jahres:
  1. Schau ins Depot              → K (aktueller Stand)
  2. Wie viele Jahre noch?         → n (bis Lebensende)
  3. Annuitätsfaktor               → A = (1 − (1 + r)^−n) / r       (r real)
  4. Jährliche Entnahme            → W = max(Mindest-Entnahme, K / A)
  5. Durch 12                      → Monatsentnahme für dieses Jahr
  

Die Formel liefert pro Jahr eine eindeutige Zahl — eindeutig, weil sie deinen realen Depot-Stand benutzt, nicht den theoretischen. Die Median-Linie im Chart zeigt dir nur, was diese Formel typischerweise ausspucken würde, wenn man dein Leben 5000 Mal in unterschiedlichen Marktwelten durchspielt. Es ist eine Wettervorhersage, kein Fahrplan.

Konkretes Beispiel: Ein dreijähriger Verlauf

Annahmen: 1 Mio. € Startkapital, 45 Jahre Horizont, erwartete Realrendite 5 % im Annuitätsfaktor. Was die Formel pro Jahr ausgibt, hängt davon ab, was die Märkte im Jahr davor gemacht haben:

JahrDepot zu JahresbeginnMarktverlauf im Jahr davorFormel-Entnahme
20261.000.000 €4.700 €/Mo
20271.060.000 €+12 % real5.000 €/Mo
2028750.000 €−25 % real3.600 €/Mo

Die Entnahme schwankt um Faktor 1,4 zwischen guten und schlechten Jahren — und zwar nicht weil du eine Wahl triffst, sondern weil die Formel dein Depot durch die verbleibenden Jahre teilt. Genau diese automatische Anpassung an die Realität ist der Grund, warum das Pleite-Risiko so niedrig bleibt: In schlechten Pfaden gibt es weniger, nicht trotzig dieselbe Entnahme.

Analogie: Die Wettervorhersage sagt „morgen median 18 °C, p10 14 °C, p90 24 °C." Du ziehst nicht „den Median" an. Du gehst morgens raus, fühlst was, ziehst dich entsprechend an. Die Prognose hilft dir nur, deine Erwartung zu kalibrieren — nicht, deine konkrete Handlung vorzuschreiben.

Wie die Strategie technisch funktioniert

Drei Komponenten, alle gleichzeitig aktiv:

1. Adaptive Annuitäts-Entnahme

Der Annuitätsfaktor ist die mathematische Antwort auf die Frage: „Welche jährliche Auszahlung kann mein heutiges Depot über n Jahre tragen, wenn ich r reale Rendite annehme?" Wendet man diese Formel jedes Jahr neu auf das dann-aktuelle Depot an, wird das Kapital im Median exakt bis zum Lebensende verzehrt — bei guter Marktentwicklung mit deutlich höherer Entnahme als bei schlechter. Das ist die mathematische Garantie des Annuitätsfaktors, nicht eine Annahme.

2. Garantierte Mindest-Entnahme als Untergrenze

Adaptive Strategien haben einen unangenehmen Nebeneffekt: In den schlechtesten Marktverläufen kann die Entnahme rein rechnerisch beliebig klein werden. Wer 1.000 € Fixkosten hat und dessen Formel plötzlich 800 € liefert, hat ein konkretes Problem. Deshalb gibt es eine kaufkraftgeschützte Mindest-Entnahme — eine reale Untergrenze, die jedes Jahr mit der Inflation steigt und unter die die Formel nie fällt.

Diese Untergrenze ist kein willkürlicher Wert. Sie wird vom Tool per Monte-Carlo-Simulation kalibriert: Gesucht ist der höchstmögliche Mindest-Betrag, sodass über den ganzen Horizont in höchstens deinem akzeptierten Anteil der Marktverläufe das Depot doch vor dem Lebensende leerläuft.

3. Pleite-Risiko: Ehrlich kalibriert, nicht „theoretisch"

Das Tool simuliert 5000 Marktverläufe über deinen vollen FIRE-Horizont mit realistischer Aktienvolatilität (16 % Standardabweichung pro Jahr). Es zählt: In wie vielen davon läuft das Depot vor dem Lebensende auf null? Diese Zahl ist dein tatsächliches Pleite-Risiko, gerechnet am ganzen Endprodukt — nicht aus einer Lookup-Tabelle, die für 30 Jahre gebaut wurde.

Du wählst dein akzeptiertes Risiko im Bereich 0,25 % bis 3 %. Bei einer ehrlichen Pleite (Depot wirklich null) sind höhere Werte schwer zu rechtfertigen — wer „10 % Pleite" wählen würde, hätte 1 zu 10 Chance auf totales Geld-Ende. Innerhalb der schmalen Spanne 0,25–3 % bestimmt dein Wert, wie hoch die garantierte Mindest-Entnahme kalibriert wird: Höheres Risiko → höhere Mindest-Entnahme, dafür echte Pleite-Möglichkeit in den schlimmsten Pfaden.

Warum das in der Regel mehr Geld pro Monat ergibt als die 4-%-Regel

Die 4-%-Regel ist kalibriert auf das schlechteste denkbare Marktszenario über 30 Jahre. Die fixe Entnahme muss auch dann durchhalten, wenn die nächsten 30 Jahre so verlaufen wie ab 1929 oder 1966. Das ist eine harte Anforderung, und sie führt dazu, dass in typischen Verläufen extrem viel Kapital ungenutzt liegen bleibt — in vielen modellierten Pfaden (siehe Block-Bootstrap-Methodik) stirbt der 4-%-Sparer mit dem Zwei- bis Dreifachen seines Startkapitals.

Der adaptive Pfad nutzt jedes Jahr die neue Information: „Wie steht mein Depot heute?" Wenn die Märkte gut liefen, kann mehr entnommen werden. Wenn schlecht, weniger. Das ist keine Magie — es ist konsequente Nutzung von Information, die die fixe Schedule wegwirft.

Konkretes Beispiel bei 1 Mio. €, 45 Jahre, 1 % Pleite-Risiko:

ModellEntnahme Jahr 1Median-EndkapitalPleite-Risiko über 45 J.
4-%-Regel klassisch (fix)3.300 €/Mo~17 Mio. € Erbe20–50 % (Horizont zu lang für Tabelle)
Optimaler Entnahme-Pfad (adaptiv)4.700 €/Mo Median≈ 0 €1 % (geprüft)

Beide Zahlen sind ehrlich gerechnet. Sie messen aber unterschiedliche Sachen. Bei der 4-%-Regel sind die 3.300 € eine fest zugesagte Entnahme. Bei dem adaptiven Pfad sind die 4.700 € der Median über 5000 Marktwelten — dein realer Wert kann darüber oder darunter liegen, in den schlechtesten 10 % der Welten deutlich darunter. Was du gewinnst (höhere typische Entnahme, kein verschwendetes Erbe) bezahlst du mit Schwankung.

Der Trade-off ehrlich: Was du eintauschst

Stabilität gegen mehr typische Entnahme

Bei der 4-%-Regel kannst du deinen Lebensstandard 30 Jahre lang gleich planen — real konstant 3.300 € pro Monat. Beim adaptiven Pfad schwankt deine Entnahme mit dem Markt. In sehr guten Marktphasen wirst du deutlich mehr entnehmen können, in schlechten deutlich weniger. Deine Fixkosten (Miete, Krankenkasse, Strom) müssen unter der garantierten Mindest-Entnahme liegen — sonst trägt das Modell nicht.

Erbe gegen frühere Freiheit

Beim 4-%-Sparer bleibt im Median ein erhebliches Erbe übrig — das ist die „Bengen-Tragik": Geld, das nie ausgegeben wurde, obwohl es da war. Beim adaptiven Pfad ist das Median-Endkapital ≈ 0. Wer ein Erbe hinterlassen will, ist beim adaptiven Pfad falsch aufgehoben (oder muss ein höheres Pleite-Risiko bewusst absichern — Lebensversicherung, Immobilie, separates Erbe-Depot).

Mathematische Eleganz gegen mentale Last

Die 4-%-Regel ist eine Zahl, einmal kalibriert. Der adaptive Pfad verlangt, dass du jedes Jahr neu rechnest. In der Praxis ist das ein zehnminütiger Termin im Januar mit deinem Depot-Auszug und einem Taschenrechner — aber es ist ein Termin. Wer das psychisch als Last empfindet (oder vergisst), läuft Gefahr, die Strategie nicht konsistent durchzuziehen.

Wer das Modell ehrlich nicht nutzen sollte

Wer einen fest planbaren Lebensstandard braucht

Wenn dein Lebensentwurf darauf basiert, dass du jeden Monat einen festen Betrag entnehmen kannst — etwa wegen einer Hypothek, einer Pflegepflicht oder eines anderen unflexiblen Kostenpfads — ist die Schwankung der adaptiven Strategie ein echtes Problem. Die 4-%-Regel ist dann das ehrlichere Werkzeug, mit ihrem Preis (Bengen-Tragik) als bewusste Annahme.

Wer Erbe hinterlassen will

Der adaptive Pfad ist explizit dafür gebaut, das Kapital zu Lebzeiten zu verzehren. Wer Vermögen weitergeben will, sollte entweder konservativer entnehmen (geringere fixe Rate) oder das Erbe explizit aus dem FIRE-Depot ausgliedern und separat anlegen.

Wer ein sehr knapp dimensioniertes Depot hat

Wenn dein Depot ohnehin nur knapp reicht, hilft Optimierung wenig — du brauchst entweder mehr Sparen, weniger Konsum oder einen kürzeren Horizont. Die adaptive Strategie kann die Mathematik nicht retten, wenn die Grundausstattung fehlt.

Wer mit schwankenden Aktienquoten nicht leben kann

Das Modell setzt eine hohe Aktienquote voraus — die 16 % Volatilität, mit der gerechnet wird, ist nur sinnvoll für aktienlastige Portfolios. Wer 50 % Anleihen hält, hat geringere Schwankung, aber auch geringere Renditeerwartung. Die kalibrierten Zahlen passen dann nicht 1:1.

Das asymmetrische Sequence-of-Returns-Risiko

Wade Pfau und Michael Kitces haben systematisch untersucht, in welchen Jahren der Entnahmephase Sequence-of-Returns-Risiko tatsächlich wirksam wird. Ihr Befund aus historischen US-Daten: Rund 80 % aller Pleite-Szenarien gehen auf schlechte Marktbedingungen in den ersten 10–15 Jahren der Entnahmephase zurück. Dieser Effekt ist methodik-unabhängig — unser Block-Bootstrap-Pfad-Modus reproduziert ihn natürlich, weil er in den historischen Daten aller 16 OECD-Länder steckt, die wir resamplen.

Der Mechanismus ist intuitiv: Wer früh in der Entnahmephase einen schweren Crash erlebt, verkauft Anteile zu Tiefstkursen. Das Depot schrumpft, und die laufenden Entnahmen fressen einen immer größeren Anteil des verbleibenden Vermögens. Wenn die Märkte sich erholen, ist zu wenig Kapital übrig, um von der Erholung zu profitieren. Ein Crash in Jahr 2 einer Entnahmephase ist katastrophal; derselbe Crash in Jahr 22 ist ein Ärgernis.

Genau dieses Risiko ist der Grund, warum die adaptive Strategie überhaupt funktioniert: Sie reagiert in den frühen Jahren auf einen Crash mit niedrigerer Entnahme und schont so das verbleibende Depot. Eine fixe Schedule kann das nicht — sie zahlt weiter dieselbe Inflation-angepasste Rate, auch wenn das Depot bei 60 % steht.

Renten als zusätzlicher Boden

Die meisten deutschen Arbeitnehmer haben einen gesetzlichen Rentenanspruch, der unabhängig vom Depot-Verlauf fließt. Wenn deine Rentenansprüche im Rechner eingetragen sind, werden sie ab Renten-Beginn als sicheres Einkommen verrechnet — der Optimale Entnahme-Pfad muss dann nur den verbleibenden Bedarf decken.

Das ist mehr als eine kosmetische Korrektur. Wer 2.500 €/Monat gesetzliche Rente ab 67 erwartet, hat einen echten Konsum-Boden, der unabhängig vom Aktienmarktrisiko ist. Selbst im katastrophalen Pleite-Pfad (Depot vor Lebensende leer) bleibt dieser Boden bestehen. Das verändert die rationale Risikoakzeptanz: Wer mit dem GRV-Anspruch alleine schon einen Großteil seiner Fixkosten deckt, kann ein höheres Pleite-Risiko aus dem Depot ehrlich tragen.

Im aktuellen Tool kannst du Pleite-Risiken zwischen 0,25 % und 3 % einstellen — was unabhängig vom Renten-Floor sinnvolle Grenzen sind. Wenn du ohne GRV-Anspruch planst (z. B. als Selbstständiger ohne Rentenversicherung), würde rational eher das untere Ende dieser Spanne passen. Mit substanziellem GRV-Anspruch ist die obere Hälfte vertretbar.

Was im Chart konkret zu sehen ist

Wenn du den Pfad im Rechner aktivierst, wechselt das Hauptdiagramm in den Pfad-Modus. Sichtbar sind:

Was der Optimale Entnahme-Pfad nicht modelliert

Drei bewusste Vereinfachungen, die du im Hinterkopf behalten solltest:

Lebensphasen-bedingter Konsumrückgang. Studien (Blanchett u. a.) finden, dass reale Konsumausgaben im Alter um 1–2 % pro Jahr sinken. Wir bauen das bewusst nicht ein, weil die Daten in deutschen Verhältnissen dünn sind und die Annahme den Rechner ohne klaren Gewinn verkompliziert. Wenn du davon ausgehst, dass du mit 80 weniger ausgibst als mit 55, kannst du das als zusätzlichen Puffer interpretieren.

Lebenserwartungs-Verteilung. Du gibst ein festes Plan-Lebensende ein — das Modell behandelt das als sicher erreicht. Statistisch ist das eine konservative Wahl: Ein heutiger 44-Jähriger erreicht 90 nur mit etwa 30 % Wahrscheinlichkeit. Wer die Mortalitäts-Gewichtung einbauen würde, käme zu höheren Entnahmen in den frühen Jahren.

Steuern auf außergewöhnliche Entnahmen. Die Strategie berücksichtigt deutsche Kapitalertragssteuer und Vorabpauschale wie im restlichen Tool. Aber in sehr guten Marktphasen kann die adaptive Formel sehr hohe Entnahmen vorschlagen, die in der Realität zusätzliche Steuer-Effekte oder Liquiditätsprobleme erzeugen können. Bei extremen Werten lohnt sich ein zweiter Blick.

Bezug zu anderen Strategien

Der Optimale Entnahme-Pfad ist eine Variante der VPW-Familie (Variable Percentage Withdrawal), die in der angelsächsischen FIRE-Community schon länger diskutiert wird. Der konkrete Aufbau hier (adaptive Annuitäts-Formel plus kalibrierte Mindest-Entnahme als Untergrenze plus Bisektion auf das eingestellte Pleite-Risiko) ist auf das deutsche Setup angepasst — insbesondere die Steuer-Mechanik und die Renten-Logik.

Wer reine VPW (ohne Mindest-Garantie) kennt, kennt das Problem: Die Strategie ist mathematisch ruinfrei, kann aber rein rechnerisch beliebig kleine Entnahmen vorschlagen. Die Mindest-Entnahme im aktuellen Modell ist genau die Antwort darauf — eine harte Untergrenze, die nicht unterschritten wird, mit dem Preis, dass in den schlimmsten Pfaden ein echtes Pleite-Risiko entsteht.


Weiterführend:

Optimalen Entnahme-Pfad für dein Depot berechnen →