Entnahmestrategien im Vergleich
Die spannendste Frage in der FIRE-Phase ist nicht, wie viel Vermögen du hast — sondern wie du es entnimmst. Drei Strategien dominieren die Diskussion: die starre 4 %-Regel, die dynamischen Guyton-Klinger-Guardrails und das annuitätenartige VPW. Sie führen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.
1. Die 4 %-Regel (statisch)
Der Klassiker aus der Trinity-Studie (Bengen, 1994). Idee: im ersten Jahr ziehst du 4 % deines Startvermögens als Jahresentnahme, danach wird dieser Eurobetrag jährlich an die Inflation angepasst. Das war's — Entscheidung trifft du nur einmal.
- Vorteil: Maximale Planbarkeit. Dein realer Lebensstandard ist stabil, du kannst die nächsten 30 Jahre durchplanen.
- Nachteil: Reagiert nicht auf den Markt. Wer 2008 mit 4 % startet, zieht durch 30 % Crash und 30 % Erholung den gleichen realen Eurobetrag — was die Erfolgswahrscheinlichkeit drückt. Die berühmten 95 % Erfolg gelten nur für 30-Jahres-Pensionen mit US-historischen Daten.
- Erfolgsquote (50-Jahres-Pension): ~75–85 % typischerweise, je nach Asset-Allokation und Steuerannahmen.
2. Guyton-Klinger Guardrails (dynamisch ±10 %)
Jonathan Guyton und William Klinger erweiterten die 4 %-Regel 2006 um eine simple Reaktionsregel: Wenn dein Depot so weit gefallen ist, dass deine aktuelle Entnahmerate 20 % über dem Startwert liegt, kürzt du die Entnahme um 10 %. Wenn dein Depot so weit gestiegen ist, dass die Rate 20 % unter dem Startwert liegt, erhöhst du um 10 %.
In allen anderen Fällen passt du nur an die Inflation an — wie bei der 4 %-Regel.
- Vorteil: Reagiert auf den Markt, ohne Panik. Erlaubt eine höhere Anfangs-Entnahmerate (z. B. 5–5,5 % statt 4 %), weil das System Crashes auffängt.
- Nachteil: Real schwankendes Einkommen. Wenn die Rate gekürzt wird, fühlst du das im Lebensstandard. Manche Crashes bedeuten mehrere Kürzungen hintereinander.
- Erfolgsquote: ~90–96 % bei vergleichbarer Anfangs-Entnahmerate.
3. Variable Percentage Withdrawal (VPW)
Das VPW-Konzept kommt aus dem Bogleheads-Forum und ist annuitätenartig: Jedes Jahr ziehst du einen festen Prozentsatz deines aktuellen Depots, der mit dem Alter steigt. Mit 50 vielleicht 3,5 %, mit 65 vielleicht 5 %, mit 80 dann 8 %.
Mathematisch ist das die Annuität: Entnahme = Depot ÷ Annuitätenfaktor(Restjahre, Realrendite).
- Vorteil: Das Depot kann nie auf null gehen — per Definition ziehst du nur einen Anteil. Die Erfolgswahrscheinlichkeit (im klassischen Sinn „Geld reicht 30 Jahre") ist 100 %.
- Nachteil: Das Einkommen schwankt stark mit den Märkten. Nach einem 30 %-Crash ziehst du 30 % weniger — auch wenn du das Geld gerade brauchst. Du musst Reserven (Cash-Puffer) parallel halten.
- Vor allem geeignet für Menschen mit anderen Einkommensquellen (z. B. gesetzliche Rente, Vermietung, Teilzeit-Job), die die Schwankung des VPW-Anteils ausgleichen können.
Welche passt zu dir?
Faustregel:
- Du willst maximale Sicherheit der Auszahlung und akzeptierst dafür ein höheres Pleite-Risiko: 4 %-Regel.
- Du willst eine optimale Balance aus Sicherheit und Auszahlung und kannst mit 10 %-Anpassungen leben: Guardrails.
- Du willst, dass das Depot nie ganz aufgebraucht wird und hast einen Cash-Puffer für magere Jahre: VPW.
Was die Strategien für deutsche FIRE-Planer bedeutet
Wichtig in der deutschen Steuer-Realität:
- Sparerpauschbetrag pro Jahr nutzen. 1.000 € (bzw. 2.000 € verheiratet) sind steuerfrei — das gilt für alle Strategien. Plane Entnahmen so, dass dieser Betrag jedes Jahr realisiert wird.
- FIFO-Reihenfolge beachten. Du verkaufst die ältesten Anteile zuerst. Bei stark gestiegenen ETFs sind das die mit den höchsten Kursgewinnen — also die mit der höchsten anteiligen Steuer.
- Vorabpauschale-Anrechnung. Bereits gezahlte Vorabpauschale wird auf die Endsteuer angerechnet — das ist ein versteckter Vorteil bei der Entnahme nach langem Halten.
- Teilfreistellung. Aktien-ETFs haben effektiv ~18,5 % statt 26,375 % Steuer auf Gewinne. Halte deine Entnahmestrategie konsistent über Aktien-ETFs, nicht über Anleihen.
Eine pragmatische Hybrid-Strategie
Viele erfahrene Privatiers kombinieren:
- Floor = ein Mindesteinkommen (gesetzliche Rente + festverzinsliche Anlagen), das die Grundbedürfnisse deckt
- Ceiling = ein Maximum, das du in einem Jahr aus dem Depot ziehst, um Lifestyle-Inflation zu bremsen
- Dazwischen verwendest du Guardrails oder VPW
Das ist mathematisch nichts anderes als eine Bucket-Strategie und in der Praxis robust gegen Sequence-of-Returns-Risk.
Weiterführend:
- Sichere Entnahmerate – tieferer Einstieg in die 4 %-Regel
- Sequence-of-Returns Risk – warum der Zeitpunkt entscheidet
- Teilfreistellung bei ETFs – die größte Steuerersparnis
- Vorabpauschale – die jährliche Mini-Steuer