Wie viel kannst du dieses Jahr entnehmen? — Dynamische Entnahme berechnen
Du hast den Optimalen Entnahme-Pfad als deine Strategie gewählt — gut. Jetzt der eigentliche Knackpunkt: Die Median-Linie im Chart ist kein Fahrplan, den du abarbeitest. Sie ist eine statistische Erwartung über tausende simulierte Marktwelten. Deine reale Entnahme rechnest du jedes Jahr neu — am 2. Januar, mit deinem dann-aktuellen Depot-Stand. Genau dafür ist dieser Mini-Rechner.
Was du tatsächlich tust (statt „den Median nehmen")
Wenn dir der Hauptrechner einmal gesagt hat „Median-Entnahme Jahr 1: 4.700 €/Mo", ist das nicht deine fixe Schedule. Das ist die Mittelung über 5000 simulierte Marktwelten. Was du wirklich tust:
| Wann | Was | Beispiel-Zahlen (1 Mio. Start, 45 J. Horizont) |
|---|---|---|
| Januar 2026 | K = 1.000.000 → Formel: K / A(45 J., 5 %) | entnimmst 4.700 €/Mo |
| Markt macht 2026 | z. B. +12 % real | Depot Dez. = 1.060.000 |
| Januar 2027 | K = 1.060.000 → Formel: K / A(44 J., 5 %) | entnimmst 5.000 €/Mo |
| Markt macht 2027 | z. B. −25 % | Depot Dez. = 750.000 |
| Januar 2028 | K = 750.000 → Formel: K / A(43 J., 5 %) | entnimmst 3.600 €/Mo |
Du nimmst nicht den Median. Du nimmst die Formel. Sie ergibt jedes Jahr eine eindeutige Zahl — nämlich dein dann-aktuelles Depot geteilt durch den Annuitätsfaktor, mindestens aber den Floor.
Wenn du dich stattdessen jetzt für eine fixe 3.900 €/Mo + Inflation entscheiden würdest („ich nehme den Median und mache draus eine Bengen-Schedule"), würdest du eine andere Strategie ausführen. Und für die gilt das niedrige Pleiterisiko aus dem Pfad-Modus nicht. Du wärst zurück in Bengen-Land mit 30–50 % Pleiterisiko über 45 Jahre.
Der Mini-Rechner
Deine Monatsentnahme für dieses Jahr
Wie der Mini-Rechner die Formel ausführt
Was hinter den Zahlen oben passiert, kannst du selbst nachvollziehen — auf Papier oder Taschenrechner. Der gleiche Code, den der Hauptrechner intern ausführt:
1. Schau ins Depot → K (aktueller Stand) 2. Wie viele Jahre noch? → n (bis Lebensende) 3. Annuitätsfaktor → A = (1 − (1 + r)^−n) / r (r real, z. B. 0,05) 4. Floor-Wert nominal heute → F_t = Floor_real × (1 + inflation)^t 5. Jahres-Entnahme → W = max(F_t, K / A) 6. Durch 12 → Monatsentnahme für dieses Jahr
Der Annuitätsfaktor ist die mathematische Antwort auf „Welche jährliche Auszahlung kann mein heutiges Depot über n Jahre tragen, wenn ich r reale Rendite annehme?". Wendet man diese Formel jedes Jahr neu auf das dann-aktuelle Depot an, wird das Kapital im Median bis zum Lebensende verzehrt — bei guter Marktentwicklung mit höherer Entnahme, bei schlechter mit niedrigerer. Der Floor ist die kaufkraftgeschützte Untergrenze, unter die die Formel nie fällt.
Warum nur einmal im Jahr — wäre monatlich nicht genauer?
Die naheliegende Frage: Mein Depot ändert sich doch täglich — müsste ich die Formel nicht monatlich neu rechnen, um „genauer" zu sein? Die Antwort ist kontraintuitiv: Häufiger ist hier nicht genauer. Es gibt keinen wahren Wert, den eine feinere Taktung besser träfe. Der Annuitätsfaktor liefert exakt den Betrag, der dein heutiges Depot über die Restlaufzeit aufbraucht — egal ob du ihn am 2. Januar oder monatlich ausrechnest. Monatlich approximiert nichts besser, es reagiert nur schneller. Und genau das ist der Haken, nicht der Vorteil.
Deine Entnahme ist immer aktuelles Depot ÷ Annuitätsfaktor. Rechnest du das monatlich, zappelt dein Einkommen 1:1 mit dem Markt mit: −6 % im März, und dein April-Budget sinkt um ~6 %. Du würdest deine Miete und deinen Wocheneinkauf an das Börsenrauschen koppeln. Mit dem Januar-Termin legst du eine stabile Zahl für 12 Monate fest und lebst das Jahr ruhig durch.
Drei Gründe, warum jährlich klar besser ist:
- Steuern & Kosten: Jede Neuberechnung heißt verkaufen. Monatlich verkaufen = zwölfmal Spread und Gebühren und ein Albtraum bei der deutschen Besteuerung (Vorabpauschale, FIFO-Gewinnermittlung). Einmal im Jahr ist sauber.
- Verhalten: Sinkt dein Einkommen direkt nach einem Crash, weil du genau dann neu gerechnet hast, tut das doppelt weh und verleitet dich, die Formel zu überstimmen. Die fixierte Januar-Zahl gibt dir einen Puffer — du sitzt das Jahr aus.
- Aufwand: Ein 10-Minuten-Termin pro Jahr statt zwölf Dauerauftrags-Anpassungen.
Ehrlich die Gegenseite: Monatlich würde in einem Crash etwas früher gegensteuern und damit das Pleiterisiko minimal senken. Aber das ist ein Effekt zweiter Ordnung — der dominante Hebel ist die Floor-Kalibrierung, nicht die Rechen-Frequenz. Für den echten Absturz-Schutz ist der Floor da, nicht die Taktung. Du tauschst also einen winzigen Risiko-Vorteil gegen großen Gewinn an Einkommens-Stabilität, weniger Steuer-Reibung und psychologische Robustheit. Deshalb rechnen praktisch alle amortisationsbasierten Entnahme-Strategien jährlich neu.
Drucke dir die Formel aus und hänge sie an den Kühlschrank
Das klingt nach Witz — ist aber ernst gemeint. Die Floor-VPW-Strategie funktioniert nur, wenn du sie wirklich jedes Jahr durchziehst. Die größte Gefahr ist nicht der Crash, sondern dass du den Termin im Januar vergisst oder dich emotional über die Formel hinwegsetzt („dieses Jahr will ich aber mehr"). Eine sichtbare physische Erinnerung hilft. Ein Post-it am Bildschirm tut's auch. Ein Reminder im Januar-Kalender ist nicht-verhandelbar.
Praktisch: Am 2. Januar jeden Jahres
- Depot-Stand anschauen (alle Depots zusammengerechnet, in Euro)
- Verbleibende Jahre bis Lebensende (dein FIRE-Endalter minus dein aktuelles Alter)
- Annuitätsfaktor berechnen oder aus Tabelle ablesen (oder diesen Mini-Rechner nutzen)
- K / A ausrechnen → das ist deine Jahres-Entnahme (vor Floor-Check)
- Mit Floor vergleichen — der Floor steigt jährlich mit Inflation. Falls Formel-Wert < Floor: Nimm den Floor
- Durch 12 teilen → Monatsentnahme für die nächsten 12 Monate
- Dauerauftrag entsprechend anpassen
Das ist ein zehnminütiger Termin im Jahr. Wenn dir das zu viel mentale Last ist, ist Floor-VPW vielleicht nicht deine Strategie — dann lieber bei der klassischen 4-%-Regel bleiben (mit deren Trade-offs).
Warum die Median-Linie im Chart so verlockend ist (und warum du ihr nicht trauen darfst)
Wer sich die Pfad-Modus-Median-Linie anschaut und denkt „Okay, also Jahr 1: 4.700, Jahr 2: 4.800, Jahr 10: 5.500 — das ist mein Plan", macht einen subtilen Fehler. Der Median ist eine statistische Erwartung über Marktwelten — nicht über die Zeit in einer einzelnen Welt. Konkret:
- Jahr 1 ist deterministisch. Alle simulierten Welten starten mit demselben Depot, also gibt die Formel dieselbe Zahl raus. Median = exakter Wert.
- Ab Jahr 2 weichen die Welten auseinander. Die Median-Linie ist die Mittelung — deine Welt landet darüber oder darunter, mit p10/p90 als Bandbreite.
- Wenn der Markt in Jahr 1 +20 % macht, liegst du in Jahr 2 weit über dem Median. Wenn er −30 % macht, weit darunter. Beides ist „normal".
Die Wettervorhersage sagt „morgen median 18 °C, p10/p90 14–24 °C". Du ziehst nicht den Median an. Du gehst morgens raus, fühlst was, ziehst dich an. Die Vorhersage hilft dir nur, deine Erwartung zu kalibrieren. Genauso ist die Median-Linie im Pfad-Modus-Chart: Eine Erwartungs-Kalibrierung. Nicht dein Plan.
Was, wenn ich keine Daten vom Hauptrechner habe?
Der Mini-Rechner funktioniert auch standalone. Wenn du die Felder leer siehst, hast du den Hauptrechner noch nicht in diesem Browser benutzt — oder du hast Cookies/LocalStorage gelöscht. Du kannst die Werte manuell eintragen:
- Depot-Stand: Summe deiner ETF-Depots heute (Aktuelle Werte, real, nominal egal — der Formel-Output skaliert mit)
- Verbleibende Jahre: Dein FIRE-Endalter (z. B. 95) minus dein heutiges Alter
- Realrendite: 5 % ist ein verbreiteter VPW-Default. Konservativer: 4 %. Aggressiver: 6 %.
- Floor: Aus deinem letzten Pfad-Modus-Lauf — der Banner zeigt „Floor X €/Mo (real garantiert)". Wenn du noch nie gerechnet hast, gib 0 ein und du bekommst die reine VPW-Formel ohne Boden.
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