Pro-rata Steuer-Modellierung
Ein Depotwert von 1 Mio. € ist nicht 1 Mio. € Kaufkraft. Wenn du das Geld brauchst, zahlst du auf jeden entnommenen Euro anteilig Abgeltungssteuer auf den darin enthaltenen Kursgewinn. Das ist das Herzstück realistischer FIRE-Planung in Deutschland.
Das einfache Beispiel
Du hast ein ETF-Depot im Wert von 1.000.000 €, davon 400.000 € unrealisierte Kursgewinne und 600.000 € Anschaffungskosten. Der Gewinn-Anteil ist also 40 %.
Wenn du jetzt 50.000 € entnehmen willst (verkaufst), entfallen davon — pro-rata — 40 % × 50.000 = 20.000 € auf Kursgewinne. Auf diese 20.000 € zahlst du Abgeltungssteuer:
- Mit Soli (26,375 %) und 30 % Teilfreistellung (Aktien-ETF): effektiv 18,46 % auf den Gewinn-Anteil
- 20.000 € × 18,46 % = 3.692 € Steuer
- Sparerpauschbetrag 1.000 € verrechnet als steuerfreier Anteil → effektiv ~3.500 €
Du brauchst also nicht 50.000 € zu verkaufen, sondern ~53.700 €, um netto auf 50.000 € zu kommen.
Warum das viele Rechner ignorieren
Die meisten online verfügbaren FIRE-Rechner kommen aus dem US-Kontext. Dort gibt es keine Vorabpauschale, keine Teilfreistellung und der Capital Gains Tax wird nur in Sondersituationen relevant (z. B. taxable accounts statt 401k). Übersetzt auf Deutschland heißt das: die Steuer wird oft komplett ignoriert oder pauschal mit 26,375 % auf die volle Entnahme gerechnet.
Beide Vereinfachungen sind falsch:
- 0 % Steuer: ignoriert, dass deutsche Anleger tatsächlich Steuer zahlen. Überschätzt das nutzbare Vermögen.
- 26,375 % auf alles: ignoriert, dass der Anschaffungskosten-Anteil steuerfrei entnommen wird. Unterschätzt das nutzbare Vermögen.
Beides erzeugt eine Verzerrung von 5–15 % in der FIRE-Zahl. Bei einer 750.000-€-Zielsumme sind das 37.500–112.500 €.
Was Pro-rata genau bedeutet
„Pro-rata" heißt: im Verhältnis. Konkret rechnen wir den prozentualen Gewinn-Anteil deines Depots aus und wenden ihn auf jede Entnahme an.
Gewinn-Anteil = unrealisierte Gewinne ÷ aktueller Wert
Steuer pro Entnahme = Entnahmebetrag × Gewinn-Anteil × effektiver Steuersatz
Im Lauf der Jahre verändert sich der Gewinn-Anteil: er wächst, wenn das Depot steigt, und er sinkt, wenn du Anteile verkaufst (jeder Verkauf realisiert relativ mehr Gewinn als der Durchschnitt — siehe FIFO).
FIFO: First In, First Out
In Deutschland gilt für ETF-Verkäufe das FIFO-Prinzip: zuerst gekaufte Anteile gelten als zuerst verkauft. Bei einem alten Depot mit hohen Buchgewinnen heißt das: deine ältesten, am stärksten gestiegenen Anteile gehen zuerst raus — also genau die mit dem höchsten Steueranteil.
Der Rechner trackt das implizit: der Gewinn-Anteil deiner ältesten Lots wird dem Verkauf zugeordnet, bis sie aufgebraucht sind. In der Praxis ist das ein wichtiger Unterschied zwischen idealen Modellen („Durchschnitts-Gewinn-Anteil") und der Realität.
Vorabpauschale-Anrechnung
Eine deutsche Eigenheit: jedes Jahr wird auf thesaurierende Aktien-ETFs eine Vorabpauschale berechnet — eine vorausgezahlte Mini-Steuer auf einen fiktiven Mindestgewinn. Wenn du Jahre später verkaufst, wird die bereits gezahlte Vorabpauschale auf die Endsteuer angerechnet.
Beispiel: Du hast über 10 Jahre 4.200 € Vorabpauschale auf einen ETF gezahlt. Beim Verkauf realisiert du 200.000 € Gewinn → Endsteuer (mit 30 % Teilfreistellung) ≈ 36.900 €. Du zahlst nur 36.900 − 4.200 = 32.700 €.
Dieser Effekt ist kein Nice-to-have: bei langen Haltezeiten kann er 1–3 Prozentpunkte effektiven Steuersatz wert sein. Wir tracken ihn pro Bucket.
Was du im Rechner siehst
- Pro Bucket: aktueller Wert, Anschaffung, unrealisierte Gewinne, gezahlte Vorabpauschale, Teilfreistellungssatz
- Aggregiert: ein gewichteter effektiver Steuersatz (Asset-Typ × Teilfreistellung) über alle Buckets
- Pro Jahr: der Steueranteil, der auf die jeweilige Entnahme entfällt — separat ausgewiesen in der Tabelle
Weiterführend:
- AI-Depot-Import — wie wir Lots & Anschaffungskosten extrahieren
- Vorabpauschale — die jährliche Mini-Steuer im Detail
- Teilfreistellung bei ETFs
- ETF vs. Einzelaktien