Pro-rata Steuer-Modellierung

Ein Depotwert von 1 Mio. € ist nicht 1 Mio. € Kaufkraft. Wenn du das Geld brauchst, zahlst du auf jeden entnommenen Euro anteilig Abgeltungssteuer auf den darin enthaltenen Kursgewinn. Das ist das Herzstück realistischer FIRE-Planung in Deutschland.

Das einfache Beispiel

Du hast ein ETF-Depot im Wert von 1.000.000 €, davon 400.000 € unrealisierte Kursgewinne und 600.000 € Anschaffungskosten. Der Gewinn-Anteil ist also 40 %.

Wenn du jetzt 50.000 € entnehmen willst (verkaufst), entfallen davon — pro-rata — 40 % × 50.000 = 20.000 € auf Kursgewinne. Auf diese 20.000 € zahlst du Abgeltungssteuer:

Du brauchst also nicht 50.000 € zu verkaufen, sondern ~53.700 €, um netto auf 50.000 € zu kommen.

Warum das viele Rechner ignorieren

Die meisten online verfügbaren FIRE-Rechner kommen aus dem US-Kontext. Dort gibt es keine Vorabpauschale, keine Teilfreistellung und der Capital Gains Tax wird nur in Sondersituationen relevant (z. B. taxable accounts statt 401k). Übersetzt auf Deutschland heißt das: die Steuer wird oft komplett ignoriert oder pauschal mit 26,375 % auf die volle Entnahme gerechnet.

Beide Vereinfachungen sind falsch:

Beides erzeugt eine Verzerrung von 5–15 % in der FIRE-Zahl. Bei einer 750.000-€-Zielsumme sind das 37.500–112.500 €.

Was Pro-rata genau bedeutet

„Pro-rata" heißt: im Verhältnis. Konkret rechnen wir den prozentualen Gewinn-Anteil deines Depots aus und wenden ihn auf jede Entnahme an.

Gewinn-Anteil = unrealisierte Gewinne ÷ aktueller Wert
Steuer pro Entnahme = Entnahmebetrag × Gewinn-Anteil × effektiver Steuersatz

Im Lauf der Jahre verändert sich der Gewinn-Anteil: er wächst, wenn das Depot steigt, und er sinkt, wenn du Anteile verkaufst (jeder Verkauf realisiert relativ mehr Gewinn als der Durchschnitt — siehe FIFO).

FIFO: First In, First Out

In Deutschland gilt für ETF-Verkäufe das FIFO-Prinzip: zuerst gekaufte Anteile gelten als zuerst verkauft. Bei einem alten Depot mit hohen Buchgewinnen heißt das: deine ältesten, am stärksten gestiegenen Anteile gehen zuerst raus — also genau die mit dem höchsten Steueranteil.

Der Rechner trackt das implizit: der Gewinn-Anteil deiner ältesten Lots wird dem Verkauf zugeordnet, bis sie aufgebraucht sind. In der Praxis ist das ein wichtiger Unterschied zwischen idealen Modellen („Durchschnitts-Gewinn-Anteil") und der Realität.

Vorabpauschale-Anrechnung

Eine deutsche Eigenheit: jedes Jahr wird auf thesaurierende Aktien-ETFs eine Vorabpauschale berechnet — eine vorausgezahlte Mini-Steuer auf einen fiktiven Mindestgewinn. Wenn du Jahre später verkaufst, wird die bereits gezahlte Vorabpauschale auf die Endsteuer angerechnet.

Beispiel: Du hast über 10 Jahre 4.200 € Vorabpauschale auf einen ETF gezahlt. Beim Verkauf realisiert du 200.000 € Gewinn → Endsteuer (mit 30 % Teilfreistellung) ≈ 36.900 €. Du zahlst nur 36.900 − 4.200 = 32.700 €.

Dieser Effekt ist kein Nice-to-have: bei langen Haltezeiten kann er 1–3 Prozentpunkte effektiven Steuersatz wert sein. Wir tracken ihn pro Bucket.

Was du im Rechner siehst

🎯 Mit echtem Depot rechnen Öffne den Rechner, importiere dein echtes Depot per AI-Auszug — dann siehst du den Pro-rata-Effekt an deinen Zahlen statt an unseren Beispielen.

Weiterführend:

Eigenes Depot durchrechnen →